Gedicht: Dopamin
- Anna Helen
- 1 day ago
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Kannst du mich halten, fangen, tragen, so wie das Dopamin es kann, mich lieben, nähren, meine Zuflucht sein, mich beschäftigen über die Nacht und tagelang? Kannst du mich so gut verstehen wie der Algorithmus, der mir das gibt, was ich brauch,
kannst du meine Gedanken lesen, möchte neue Bilder einatmen und die von gestern wieder aus. Kannst du mir versprechen, immer da zu sein, so wie der Bildschirm hier in meiner Hand und mir schwören, niemals nachzulassen, brauch Endorphine von jetzt für immer an. Musst mir die Langeweile stehlen, mich versorgen mit meiner Dosis Adrenalin, mich binden und mich fest umarmen, brauche heut noch mein Oxytocin. Bin das Cortisol gewöhnt, muss immer alles sehen und wissen, bin ein anonymer Teil des großen Ganzen, muss liken, teilen, trotz Gewissensbissen. Kannst du mir Erfüllung schenken, muss mich besser als die anderen fühlen, liebe mein Serotonin, ist dein Kompliment was wert, wenn nicht tausend Freunde zustimmen und kommentieren? Halt, schau mich an und gib mir deine Hand, sagst du, dort vor dem Fenster sitzt ein Vogel, schaut uns und unseren Handys zu. Kannst du ihn hören über die Stimmen aus dem Screen hinweg? Kannst du ihn spüren, seine Ruhe, seine Neugier, seinen Blick? Du hast ihn schon so oft gesehen und doch wirkt er dir völlig neu. Dein Herz muss von vorne lernen, was die Welt dir eigentlich bedeutet.

(Gedicht: Dopamin)
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